Mueller_23391_MR.inddLeopold Auberg ist siebzehn Jahre alt und beginnt gerade erst, das Leben und seine eigene Sexualität zu entdecken, als er im Winter 1945 völlig überraschend in ein sowjetisches Arbeitslager in der heutigen Ukraine verschleppt wird. Es folgen fünf lange, harte Jahre voller schwerer Arbeit, menschenunwürdiger Bedingungen, Angst und Heimweh. 

Atemschaukel ist ein beeindruckendes und wortgewaltiges Buch mit einer Sprache, die Hunger und Kälte zu einer fast realen Präsenz verhilft.

Es ist der Winter von 1945, draußen ist es Nacht und es herrschen -15 Grad. Eine Polizeipatrouille geht von Haus zu Haus, die Männer haken eine Liste ab. Auch Leopolds Name steht darauf, in ein paar Stunden muss er fertig sein, sein Koffer gepackt, seine Kleidung, Proviant vorbereitet sein. Leopold Auberg ist siebzehn Jahre alt und kommt aus Siebenbürgen; er ist Rumäniendeutscher und soll noch in derselben Nacht zusammen mit einem ganzen Güterwagon voller Leute, die teilweise seine nächsten Nachbarn sind, nach Nowo-Gorlowka, in ein sowjetisches Straflager auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, gebracht werden.

Das Wort „Lager“ kann Leopold nicht schrecken. Er ist jung und sehnt sich danach, der Beschränktheit und den Zwängen seiner biederen Heimatstadt zu entkommen, denn Leopold ist schwul, eine Tatsache, die bei Entdeckung schwer bestraft wird. So geht der Junge recht naiv und hoffnungsvoll ans Packen, er ist froh, nicht an die Front zu müssen und ahnt nicht, dass er seine Eltern und Großeltern fünf Jahre lang nicht wiedersehen wird.

Schon auf der Fahrt zum Lager, die mehr einem Viehtransport denn einer Zugfahrt ähnelt, beginnt Leopold zu begreifen, was ihn erwartet. Doch erst im Lager wird er von der grausamen Realität eingeholt. Schwere Arbeit, unhaltbare hygienische Zustände, Heimweh, Angst, Bewachung und Missgunst, Lebensgefahr, Ungeziefer und am schlimmsten – Hunger  – beherrschen von nun an jeden einzelnen Tag seines Lebens. Jahreszeitliche Widrigkeiten bringen ihn zur Verzweiflung: Erfrierungen und die Schwierigkeiten, ordentlich wärmende Kleidung zu organisieren im Winter, Hitze, Staub und Ungeziefer im Sommer.  Die Region rund um das Lager ächzt unter einer Mangelversorgung, die strafgefangenen Rumäniendeutschen haben noch weniger als die schon hungernde einheimische Bevölkerung. Tauschgeschäfte blühen: mitgebrachte Kleidung gegen Brot, Arbeit gegen Brot, Sex gegen Brot und sogar Brot gegen Brot, alles in der Hoffnung, dass das Brot des Gegenübers vielleicht ein wenig größer sein möge als das eigene Stück.

Monate und Jahre verschwimmen im Angesicht von körperlicher Ausbeutung, Krankheit, Tod und Hunger, Tageszeiten verschwinden, werden durch Schichtdienst unter Tage ausradiert, verdampfen und werden zu Fixpunkten, zu einer einzigen Uhrzeit: der Stunde, zu der am Abend die dünne Suppe verteilt oder am Morgen das kleine Stück Brot ausgegeben wird, das den ganzen Tag reichen muss. Leopold fantasiert vom „Hungerengel“, der zu seinem verhassten aber auch bewunderten ständigen Begleiter wird, ein wandelbarer Geselle, der jedem Widerstand trotzt und vielgestaltig alle Ritzen und Ecken seines Daseins besetzt hält.

Herta Müller gibt ihrem fiktiven Protagonisten Leopold eine mächtiges Werkzeug: Seine Sprache ist voller Poesie und Wortgewalt. Metaphorisch gewandt wandelt er durch sein Leiden, Wiederholungen geben seinem Hunger Rhythmus, verstärken seine Schmerzen, lassen seine Verrohung und sein Unglück hervorbrechen. Die Autorin rückt ein im Angesicht der unzähligen Gräueltaten des zweiten Weltkrieges kaum beachtetes Thema in den Vordergrund. Für die literarische Aufarbeitung der Verfolgung Rumäniendeutscher zu Zeiten Stalins sprach sie mit vielen Betroffenen und arbeitete eng mit dem ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Lyriker und Übersetzer Oskar Pastior zusammen, der jedoch 2006, vor Beendigung des Romans, verstarb. Müller beendete nach einer Pause das Buch allein. Ihr Protagonist Leopold Auberg wird zum Sprachrohr der 60.000 betroffenen Rumäniendeutschen und zu Pastiors beeindruckender literarischer Stimme. Es ist Pastiors Geschichte, die hier erzählt wird. Er hat das Lager überlebt, doch sein literarisches Abziehbild Leopold ist ein Anderer, als er zu seiner Familie zurückkehrt. Das Leben ist ihm fremd geworden, er kann sich nicht wieder einfügen in die heimelige und scheinbar unveränderte Welt seines Heimatstädtchens, das Lager ist ihm gefolgt und hat sich in allen Ecken, in jedem Gedanken eingenistet. So sehr er in den vergangenen Jahren von der Freiheit träumte, so sehr fehlt ihm jetzt das Lager, seine Mitgefangenen, sogar der Hunger, der dem Dasein Struktur verliehen hat. Leopold ist ein Gestrandeter, hilflos wandert er umher in der neuen Freiheit und weiss doch nichts mit ihr anzufangen.

Atemschaukel ist ein Buch über die Schrecken eines Straflagers, aber es ist auch ein Buch über das Danach, das in den wenigsten Werken thematisiert wird. Müller fordert viel von ihren Lesern, die Lektüre ist mühselig und anstrengend, manchmal auch zähflüssig, doch lohnenswert. Selten habe ich eine so poetisches Buch über ein solches Thema gelesen.

In einem Satz:
„Atemschaukel“ ist ein  wichtiges, aber kein einfaches Buch. Poesie im Angesicht des Todes, ein Buch, das anstrengt, aber beeindruckt. 


Herta Müller. Atemschaukel. Erscheinungstermin: 15. Mai 2012. 384 Seiten. Hanser Literaturverlage. ISBN: 978-3596512034. € 14,00

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