Steinfest_H_Leben_und_Sterben_FlugzeugeKommissar Blind ist Single, gutaussehend, spielt gern Golf und hat ein Faible für Grammatik. In seiner Brust schlägt nach einer Transplantation das Herz eines Skifahrers. Eigentlich steht er fest im Leben, nur seine Träume machen ihm Sorgen, denn immer, wenn er einschläft, ist er ein Pariser Bahnhofsspatz. Als selbiger wird er eines Tages fast von einem Artgenossen erschlagen und hat plötzlich eine Mission, bei der es um Leben und Tod geht. Doch während Quimp, der Spatz, mit wichtigem Auftrag unterwegs nach Wien ist, erhält auch Blind eine mysteriöse Aufgabe und irgendwann ist nicht mehr klar, wer denn da wen träumt. Steinfest spinnt Irrsinn wie andere Wolle. Das macht Spaß –  wenn man sich darauf einlässt. 

Manchmal überlege ich mir, wie Heinrich Steinfest wohl seine Bücher schreibt. Hat er zuhause so eine Schüttelbox, in die er hineingreift und wahllos Begrifffe rausholt? „Spatz“ zieht er beim ersten Versuch. „Kommissar“ beim zweiten. Zack, da hat er seine Hauptfiguren. „Mord“ zieht er dann noch. „Kriegervolk“, vielleicht noch und „Verschwörung“. Ein bisschen umrühren. Voilà. Fertig ist ein Plot à la Steinfest, einen, der jedem Rezensenten den Schweiß auf die Stirn treibt, denn wie soll man über eine solche Geschichte schreiben?

Ich versuchs einfach mal. Herr Blind hatte einen Vornamen. Den hat er plötzlich vergessen. Er ist Kommissar, im realen Leben. Er ermittelt, macht Sport, vornehmlich Golf, scherzt mit seiner überaus netten, aber unscheinbaren Sekretärin und bekommt von seinem Vorgesetzen den Auftrag, die impertinente Witwe eines Erfinders zu beruhigen, die hinter dem Unfalltod ihres Gatten einen Mord vermutet. Bald hat auch Blind den Verdacht, dass der Unfall vielleicht doch keiner war und stößt plötzlich auf ein verschollenes Flugzeug, das es gar nicht geben dürfte. Und dann sind da noch seine Träume, in denen er zum Spatz mutiert, der sprechen und Gedichte rezitieren kann und in einem Pariser Bahnhof lebt, bis er auf eine gefährliche Mission geschickt wird, um eine Spatzenarmee zu warnen, die in einem Belfaster Hochhaus, das nie gebaut worden ist, ihr Hauptquartier bezogen hat. Ihr seid verwirrt? Nicht doch!

Quimp, der Spatz, der lieber Fastfood frisst als Würmer (die sehen eklig aus und er ist schließlich kein Barbar), ist auf dem Weg nach Wien (Teil der Mission), überlebt einen Anschlag (ein Schurke), indem er auf wundersame Weise gerettet wird, reist dann nach Belfast (natürlich mit dem Flugzeug). Blind will auch nach Belfast, wird entführt (wieder der Schurke), findet sich auf dem Weg nach Oslo wieder, und dem Leser beginnt genau wie den Figuren zu dämmern, dass die Plots von Traum und Wirklichkeit aufeinander zurasen wie zwei Züge, die nicht mehr aufzuhalten sind, sich vermischen, wie ineinanderlaufende Milch und schließlich zu einer einzige Geschichte werden, in der der Schlaf des Einen den Tod des Anderen nach sich ziehen kann.

Heinrich Steinfest schreibt furios. Die Dialoge haben es in sich, manche Sätze sind völlig absurd, viele sind atemberaubend gut. Außerdem hat er ein Faible für alternative Welten. Machmal ist es nur ein Rollo, das die eine Wirklichkeit vor der anderen verbirgt, manchmal ein Augenlid, das, sobald es zum Schlaf geschlossen wird, einen Kommissar zum Spatzen werden lässt oder umgekehrt. Alternative Welten kommen immer wieder als Motiv in Büchern vor: geträumte, erdachte, ersehnte, gefürchtete. Bei Steinfest sind alle Welten alles davon und er vermag es mit einem Fingerschnippen, den Leser glauben zu machen, hochintelligenten Spatzenarmeen seien nicht minder real als Kommissare mit Spenderherzen.

Wer sich nicht daran stört, dass Flugzeuge abstürzen und danach unbeschadet jahrelang weiterfliegen und Pistolenkugeln weggewischt werden können, bevor sie töten, der wird Steinfests neuesten Roman trotz etlicher Längen absolut vergnüglich finden.

In einem Satz:

Schräg, skurill und absolut spannend. Steinfest völlig außer Rand und Band.


Heinrich Steinfest. Das Leben und Sterben der Flugzeuge. Erschienen am 01. September 2016.  608 Seiten. Piper Verlag, ISBN: 978-3492056625, 25,00€.

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