hartwell_k_das_fremde_meerLiebesgeschichten gibt es zuhauf. Auch Marie glaubt nicht daran, sondern rechnet lieber immer mit dem Schlimmsten, damit sie auf eintreffende Katastrophen vorbereitet ist. Die Begegnung mit Jan ist wie ein megakitschiger Film, doch scheinbar wahr, denn jetzt fängt Marie an zu leben, bis… ja, bis ihre Geschichte mit Jan wieder neu beginnt und immer wieder neu.

Katharina Hartwell lässt Jan und Marie sich immer wieder lieben, doch heißen sie dann Miriam und Johann oder Yann und Milan und leben in Wäldern, in Krankenhäusern, in anderen Welten, hinter fremden Meeren. Ein fulminantes Debüt, das so gut ist, dass mir fast die Worte fehlen.

Marie führt ein Durchschnittsleben. Wenn man es mit ihren eigenen Augen betrachtet wahrscheinlich gar ein unterdurchschnittliches Leben, denn sie hat keine Hobbies, kaum Freunde, ihre Promotion langweilt sie und sie kann sich zu nichts motivieren. Um auf mögliche Katastrophen vorbereitet zu sein, geht sie lieber erstmal vom Negativen aus. Als eines Tages Jan aus einem Paternoster und damit praktisch vom Himmel auf sie fällt, verliebt sich Marie – das englische „to fall in love“ schlägt in ihrem Fall wörtlich zu. Die Liebe trifft Marie unvorbereitet, und die Geschichte mit Jan ist auch nicht eine dieser „Ich-bin-ein-bisschen-verknallt“-Schwärmereien, sondern Marie fühlt sich mitgerissen, verschluckt von der Macht ihrer Gefühle.

Zu sagen, ich hätte mich verliebt, trifft es nicht. Mir ist das Englische lieber: to fall in love. Ich bin in die Liebe gefallen, ich bin in ihr untergegangen, bin versunken, mein Körper verschwand darin und alles, was ich gewesen war, was ich geglaubt hatte, über mich zu wissen.

So sehr Marie sich durch Jan verändert fühlt – ihre natürliche Skepsis kann sie nicht ablegen. Und so lebt sie die Liebe zu Jan, doch je mehr sie liebt, desto größer wird ihre Angst, das mit Jan könnte nicht von Dauer sein, könnte zerstört werden und er ihr entrissen und mit ihm ihr gemeinsames Glück. Gespiegelt durchzieht diese Angst das ganze Buch, denn hier beginnt die Geschichte von Jan und Marie erst und wird doch völlig neu zusammengesetzt: In zehn verschiedenen Geschichten treffen und verlieren sich zwei Menschen, entdecken und sehnen sich, leiden und kämpfen. Sie heißen Jonas und Moira, Jasper und Mare, Yann und Milan und sind doch irgendwie alle Jan und Marie. Immer reißt  Hartwell ihre Geschichte ein und baut sie neu auf, immer wieder entsteht etwas völlig Anderes, wie aus wahllos zusammengeklebten Scherben einer kaputten Vase auch mit jedem Mal ein neuer Gegenstand entstehen würde.

Hartwells literarische Idee ist interessant, aber klingt fast etwas überkonstruiert. Beim Lesen hat man dennoch den Eindruck, als wisse sie genau, was sie tue: Erst nach und nach entfaltet sich die meisterhafte Ausführung des Plots: Wie beim Schälen einer Zwiebel entblättert sich die Geschichte, jede neue Haut bringt weitere Facetten der beiden Hauptfiguren zum Vorschein. Hartwells vorsichtiger Erzählstil mit seinen wunderbaren Sprachbildern schafft eine melancholische Grundstimmung, der man sich kaum entziehen kann. Und obwohl die Geschichten sich so stark unterscheiden und Hartwell absichtlich mit einem abrupten Wechsel von Schauplätzen, Zeiten und Situationen für extreme Brüche sorgt, fügen sich die Bruchkanten der einzelnen Splitter jedes Mal aufs Neue harmonisch eineinander.

Nur auf den ersten Blick spielt Hartwell dabei mit Genres. Als Leser erkennt man bekannte stilistische Motive, Märchenhaftes trifft auf Mystery, Dystopisches auf Fantastisches, historische Settings wechseln sich mit futuristischen ab, doch im Grunde spielt das keine Rolle. In jeder Geschichte geht es um Verlustängste und den Versuch, zu entkommen, um Verlorensein und Gerettetwerden, um Sehnsucht und die Suche nach dem ewigen Glück.

Und für eine Zeitspanne, die so kurz war, dass man sie nicht ›einen kurzen Moment‹ und nicht einmal ›den Bruchteil einer Sekunde‹ nennen könnte, für diese sehr kurze Zeitspanne sah Miran zwei Inseln und eine Fabrik, ein Schiff und ein Zelt. Und sie wusste von der Einsamkeit und von der Angst und vom Verschwinden und vom Hinabsteigen, vom Kämpfen und vom Aufsteigen, sie wusste vom Schlafen. Und sie wusste vom Aufwachen.

Und dann gibt es da diese winzigen Momente, in denen die zahlreichen Welten, die Hartwell entwirft, für einen Moment durchsichtig werden, und eine andere Wirklichkeit durchblitzt, Augenblicke, in denen die Charaktere eine kurze Ahnung vom Vorhandensein einer anderen, seltsamen Realität bekommen und in denen für den Leser wieder ein Puzzleteil an die richtige Stelle fällt.

Katharina Hartwell, 1984 geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Das fremde Meer ist ihr erstes Buch und, wie ich ohne Einschränkungen sagen kann, ein Knaller. Inzwischen habe ich das Buch sehr oft empfohlen und diverse Male verschenkt, mit vielen positiven Rückmeldungen. Das fremde Meer ist eine hochromantische, überhaupt nicht kitschige Liebesgeschichte, ein wundervolles Buch zum Träumen und Sich-Verlieren, ein intelligentes und faszinierender Streifzug durch viele seltsame Welten.

In einem Satz:

Ein wundervoller Roman, der einen erst verwirrt, dann fesselt und am Ende einfach geschnappt hat. Mein Buch des Jahres!


Katharina Hartwell. Das fremde Meer. Erschienen am 16. Juli 2013. 224 Seiten. Berlin Verlag, ISBN: 978-3827011374, € 22,99. 

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