Haig_M_Ich_und_die_Menschen

Isobel Martin ist schockiert: Ihr Mann Andrew, ein renom-mierter 43-jähriger Mathematiker, der an der Cambridge-University lehrt, ist in der Psychiatrie gelandet, nachdem er am Morgen nackt auf dem Campus aufgegriffen wurde. Zu dem Skandal, den der Auftritt ihres Mannes hinterlassen hat, kommen noch andere Sorgen: ihre Ehe zum Beispiel, mit der es nicht zum Besten steht, und der halbwüchsige Sohn Gulliver, der niemanden mehr an sich heranlässt. 

Doch es ist Andrew, der ihr das meiste Kopfzerbrechen bereitet. Isobel erkennt ihren Mann kaum wieder, der sich so merkwürdig verhält, als käme er von einem anderen Stern. Und damit kommt sie der Wahrheit schon ziemlich nahe…

Der Mathematiker Andrew Martin hat eine bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckung gemacht, eine, die die Menschheit in ihren Grundfesten erschüttern könnte. Die Vonnadorianer, die die Menschheit auf der Erde genau beobachten, sind alarmiert, sind sie doch der Meinung, dass die Spezies Mensch dieser Entdeckung einfach noch nicht gewachsen ist. Aus diesem Grund schicken sie einen von ihnen mit einer Mission auf die Erde: den Wissenschaftler zu töten, seinen Platz einzunehmen und alle Spuren der Entdeckung verschwinden zu lassen.

Für den Alien, der von seiner Aufgabe überzeugt ist, ist die Erde ein grässlicher Ort. Das Wetter ist abscheulich, die Menschen sind hässlich, haben seltsame Angewohnheiten und sind in ihren Handlungen von Gefühlen und sozialen Regeln getrieben, die ihm ein Rätsel sind.

„In den frühen Morgenstunden erreichte ich dieses Cambridge. Es war auf grauenvolle Weise faszinierend. Zuerst fielen mir die Gebäude auf, und mit einem Schauder erkannte ich, dass die Tankstelle kein Einzelfall war. Alle Bauwerke hier […] waren statisch und klebten am Boden.“

Doch entgegen allen Lehrwerken, die ihm zuvor die Menschen als gewaltbereite, egoistische Lebewesen dargestellt haben, entdeckt er in seiner falschen Identität als Professor Martin auch überraschend positive Dinge: Weißwein, zum Beispiel, Poesie und Musik, Erdnussbutter oder die Loyalität des Haushundes. Und auch seine spröde Frau kommt ihm nach einer Weile gar nicht mehr so abstoßend vor. Muss er seine Meinung über die Menschen ändern? Und wie soll er jetzt noch den geheimen Plan ausführen und seine neue Familie töten?

„So war das also. Familien blieben häufig zusammen. Manche Frauen schafften es, bei ihrem Ehemann zu bleiben und das Elend zu ertragen, unter dem sie litten, indem sie Romane schrieben und unten im Schrank versteckten.“

Der Alien Andrew ist hin- und hergerissen. Ist denn am irdischen Dasein wirklich alles schlecht? Wie soll er seine Zweifel seinem Chef erklären? Seine Außensicht auf die merkwürdigen Gewohnheiten und Lebensweisen der Menschen ist oft witzig, manchmal jedoch etwas klamaukig. Worauf Haig hinauswill, ist klar, gerade deshalb wirkt das ganze Konzept vor allem am Anfang teilweise etwas arg überspitzt und konstruiert. Gegen Mitte des Buches schlägt Haig einen seriöseren Ton an. Der Alien hat sich der Lebensweise der Menschen angepasst, trägt nun konventionelle Kleidung und übt sich in menschlicher Mimik und sozialen Konventionen. Nun geht es um tiefergehende Ansätze, um die Probleme in der Ehe etwa, oder die zwischen Vater und Sohn, die sich mühelos auf einen Querschnitt gewöhnlicher Familien übertragen lassen. Der Wiedererkennungswert der menschlichen Abgründe ist groß, gerade darum erreicht Haig einen so hohen Sympathiewert – es ist leicht, Probleme aus dem eigenen Umfeld im Plot um den sympathisch ungelenken Alien zu entdecken.

„Liebe war der Weg, ewig zu leben in einem einzigen Moment, und der Weg, sich selbst zu sehen, wie man sich noch nie gesehen hatte, und wenn es gelang, wusste man, dass diese Sicht mehr Bedeutung hatte als alle Selbstwahrnehmung und alle Selbsttäuschung vorher.“

Auch Haigs Sprache ist schön, manche Sätze scheinen von einer Postkarte abgeschrieben zu sein und sind so treffend, dass man sie sich am liebsten über das Bett hängen würde. Dennoch ist der mahnende Zeigefinger immer etwas zu präsent und die Geschichte zu kitschig und vorhersehbar, um wirklich brillant zu sein. „Ich und die Menschen“ ist ein kurzweiliger und sehr gut unterhaltender Roman mit Besinnung auf Dinge, die man im Alltag leider  oft übersieht. Trotz seiner 97 Ratschläge über das Leben, die am Ende doch sehr auf die Tränendrüse drücken, kann man sich ein paar hübsche Sätze (und davon gibt es viele!) herauspicken und sich daran erinnern, nicht immer alles so furchtbar verbissen zu sehen. Leichte Lektüre, nie langweilig und gut gelungen.

In einem Satz:

Matt Haigs „Ich und die Menschen“ ist ein humorvoller und oft nachdenklicher Blick auf unsere seltsame Spezies – unterhält und hinterlässt einen angenehmen Feel-Good-Nachgeschmack. 


Matt Haig. Ich und die Menschen. (Im Original: The Humans) Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Erschienen am 21. August 2015. 352 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3423216043, € 9,95

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