Greenway_A_Schmale_Pfade

Für Einsiedler und kauzige Figuren hatte ich schon immer was übrig. Jim Kennoway ist ein Exemplar dieser Sorte par excellence, und er ist wirklich nicht sympatisch. Nach dem Tod seiner Frau lebt er, einst anerkannter Ornithologe, zurückgezogen in einem abgelegenen Haus an der rauen Küste Maines und widmet sich dem Rauchen und Trinken. Eigentlich will er nur in Ruhe gelassen werden, doch dann zieht Cadillac Baketi bei ihm ein und mit ihm seine Vergangenheit, die er am liebsten im Dauerrausch erstickt hätte.

Dieser Roman ist keines dieser Junges-Mädchen-hilft-lebensmüdem-alten-Mann-aus-der-Lebenskrise-Büchern. Kennoway ist und bleibt grässlich und berührt trotzdem, genau wie Greenways fantastische Beschreibungen von Landschaften und Vögeln.

Als Cadillac Baketi nach Amerika kommt und bei Jim Kennoway, einem alten Freund ihres Vaters Tosca einzieht, löst ihr Besuch keine Begeisterung aus. Im Gegenteil. Trotzig ergreift Kennoway die Flucht und verschanzt sich im alten Bootsschuppen, wo er den Dingen näher ist, die ihn überhaupt noch interessieren: Alkohol, Zigaretten und Vögel. In genau dieser Reihenfolge.

Es ist das Jahr 1973, als Jim Kennoway, Vogelexperte, endgültig in Rente geschickt wird und seine Kollegen allesamt vor Erleichterung aufatmen, denn Kennoway ist nicht gerade für seinen Frohsinn und seine Umgänglichkeit bekannt. Nach dem Tod seiner Frau hat er sich noch mehr zurückgezogen und jetzt lebt er hier an der Küste, in diesem zugigen Sommerhaus, in dem es nichts gibt, außer Sand und um Fisch keifende Seevögel. Doch Kennoway gefällt sich in der Rolle des Gran Torino. Ein garstiger alter Mann, der der Menschheit abgeschworen hat und nun mit den Vögeln lebt.

Ab und zu kommt Kennoways Sohn vorbei, doch er hält es nie lange aus mit diesem verbitterten Alten, der seltsamerweise sein Vater ist und ihm fremder ist als der Mond. Böse grummelnd humpelt der herum, schimpft auf seinen verlotterten Stumpf – an die Kettenraucherei hat er schon fast ein ganzes Bein verloren – schleppt sich auf Krücken dahin, verflucht den Rollstuhl, der immer wieder im Sand stecken bleibt und will doch keine Hilfe; „bloß keine Scheisspflegerin“.

Als Cadillac ihm vom Speerfischen eine Scholle bringt, wird losgetreten, was jahrelang in Jims Inneren als lose aufgehäufter Berg Erinnerungen lag: der Pazifik-Krieg, sein Einsatz auf Guadalcanal, die toten Kameraden, abgetrennte Gliedmaßen, Bomben, dazwischen immer wieder Vögel, für die er auch damals schon eine Leidenschaft hatte. Dann, 1943, sein Dienst als Kundschafter auf den Salomonen. Jim wird eingeflogen und allein auf einer der kleinen Inseln ausgesetzt. Das war, als er Tosca traf, einen einheimischen Jungen, ohne dessen Kenntnisse Jim verloren gewesen wäre und der später sein Freund wird.

Die Tochter von Tosca wohnt jetzt in seinem Haus. Jahrzehnte haben die Männer sich nicht gesehen, aber ablehnen konnte Jim Toscas Bitte nicht, obwohl das Mädchen ihm lästig ist, ihn stört mit ihrer Unbekümmertheit, ihn aufschreckt und ihm zu nahe kommt mit ihrer Anwesenheit, wo er doch einfach nur in Ruhe trinken will, sich konservieren, von innen und außen, und auf den Tod warten.

Irgendwie hofft man als Leser, dass Cadillac etwas bewirken wird. Dass ihre Anwesenheit zu Jim durchdringt, seinen Gin-Nebel auflösen kann, aber man ahnt schon, dass das wohl nicht passieren wird. Jim ist ein Wrack und er hat aufgegeben. Der Krieg und all die Erinnerungen, die Greenway nüchtern, fast antiseptisch beschreibt, so dass ihre Schrecken so auf ihre Fakten reduziert noch mehr Härte vermitteln, haben ihn zerfressen und ausgehöhlt, so dass nur noch seine Hülle übrig zu sein scheint, die er mit Hochprozentigem am Leben erhält. Nur manchmal, da blitzen sie auf, kleine Momente, in denen Jim verharrt und der Krieg zurücktritt: Wenn er die Vögel an seinem Haus katalogisiert, wenn er versucht, eine Beschreibung eines Tieres zu notieren oder ein Präparat herzustellen. Nur dann schimmert er noch durch, der Jim von früher, der beim Schneiden einmal so schnell und geschickt war, dass ihm niemand im Präparieren das Wasser reichen konnte.

Im Original heißt das Buch „The Bird Skinner“, wie der deutsche Titel „schmale Pfade“ zustande kam, kann man nur erahnen. Alice Greenways Roman ist leise und düster, das Portrait eines traumatisierten Mannes, der nach seiner Frau nur noch Vögel lieben konnte.

In einem Satz:

Der alte Mann und die Vögel: Portrait eines Verbitterten, Hommage an die Unbestechlichkeit der Natur. Muss man mögen.


Alice Greenway. Schmale Pfade. (Im Original: The Bird Skinner) Aus dem Englischen von Klaus Modick. Erschienen am 09. Februar 2016. 368 Seiten. Mare Verlag, ISBN: 978-3866482326, € 22,00. 

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