Gilbert_D_Was_aus_uns_wirdViele Menschen schreiben und veröffentlichen. Die meisten werden nie bekannt, einigen wenigen geklingt der Durchbruch, einer Handvoll nur die Sensation. A.N. Dyers „Ampersand“ war solch ein Sensationsbuch, nur liegt das schon Jahrzehnte zurück. Inzwischen ist der Erfolgsautor ein alter, ausgebrannter Mann, der seine Kreativität verloren hat. Noch einmal bestellt er seine drei Söhne zu sich, um reinen Tisch zu machen.

Ein ambitionierter Roman über eine amerikanische Upper-Class-Familie, eine bissige Abrechnung mit der Borniertheit der New Yorker Literaturszene und ein Buch, das bei all seiner Epik irgendwie doch nicht berühren kann.

Er hat Talent. Zweifelsohne hat er das. Schließlich ist A.N. Dyer der Autor von Ampersand, dem Roman, den inzwischen jeder kennt, der in jeder Bibliothek und in jedem Buchladen steht, der in den Schulen und an den Colleges als Unterrrichtsmaterial benutzt wird. Doch das ist lange her, mehr als ein halbes Jahrhundert um genau zu sein, und Dyer ist ausgebrannt. Einfach hohl, ideenlos. Alt. Als dann noch sein einziger Jugendfreund Charlie Topping stirbt, der als Vorbild für seine Hauptfigur in Ampersand diente, wird Dyer seine eigene Sterblichkeit nur allzu bewusst. Er beschließt, seinen Nachlass zu sortieren und gewinnbringend zu verkaufen, doch da gibt es ein Problem: Ausgerechnet das Originalmanuskript von Ampersand gibt es nicht mehr. Und als er seine drei Söhne zu sich holt, um ihnen ein Geheimnis anzuvertrauen, zeigt sich einmal mehr, wie fremd man sich innerhalb der eigenen Familie sein kann.

Was aus uns wird ist kein einfaches Buch. Was aus uns wird ist ein echter Wälzer. 625 Seiten. Und die sind nicht immer ein Vergnügen, vor allem nicht auf den doch recht zähen ersten 300 Seiten. Der Autor entwirft ein hochkomplexes Bild einer New Yorker Upper-Class-Familie, die immer gut gelebt hat und sich demzufolge mit den Problemen reicher Leute herumschlägt. Dyer, der Vater, war eigentlich nie einer, denn er hat stets nur für das Schreiben gelebt. Demzufolge ist die Beziehung zu seinen Söhnen von Distanz, Skepsis und Entfremdung geprägt. Diese hingegen sind völlig unterschiedlich und kommen, getrieben von den verschiedensten Motiven, zurück, um den Vater noch einmal zu sehen und sich mit ihm auszusprechen. Interessant ist, dass es in Was aus uns wird eigentlich keine starken Frauenfiguren gibt. Im Mittelpunkt steht die schwierige Beziehung des exzentrischen Vaters mit seinen Söhnen, die er eigentlich kaum kennt, die Aufarbeitung der Vergangenheit, der Kindheit, der Familiengeschichte und die Beziehungsgeflechte zwischen den Brüdern, als diese nach so langer Zeit wieder aufeinander treffen. Dieser Teil des Buches ist sehr gelungen. Gerade durch den Umfang und die Komplexität der Geschichte entwickelt man als Leser ein besonderes Gefühl für die Beziehungen der einzelnen Protagonisten untereinander.

Als wichtigste Erzählstimme wählt der Auto den Sohn von Charlie Topping, des verstorbenen Freundes von A.N. Dyer, einen nicht sehr sympathischen jungen Mann, der bald bei Dyer einzieht und darauf hofft, im Dunstkreis des großen Schriftstellers von dessen Ruhm zu profitieren und so selbst ein erfolgreicher Autor zu werden. Die Wankelmütigkeit und tatsächliche Abwesenheit des Erzählers fügt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Schuss Unsicherheit hinzu, denn schnell wird klar, dass der Erzähler unmöglich Zeuge all der von ihm geschilderten Begebenheiten gewesen sein kann.

Zusammenfassend bleibt zu sagen: Gilbert hat alles gegeben. Was aus uns wird enthält verschiedene Erzählperspektiven, vielschichtige und ambivalente Hauptfiguren, einen komplexe Familiengeschichte, herrlich böse Seitenhiebe auf die sich selbst feiernde New Yorker Literaturszene, überraschende Wendungen. Nur eines fehlt: der emotionale Grip. Liegt es daran, dass ich mich mit keiner der Hauptfiguren identifizieren konnte? An der Blasiertheit des Erzählers? Am Frauenmangel in dem Buch? An der Länge? Vielleicht an allem ein bisschen. Was aus uns wird ist zweifelsohne ein gutes Buch. Aber die begeisterten Kritikerstimmen kann ich nicht teilen. Für mich fühlt es sich eher an wie ein früher praller Luftballon, dem schnell die Luft ausgegangen ist, und der jetzt nur noch halb aufgeblasen und ein wenig faltig herumdümpelt.

In einem Satz:

Interessantes Portrait einer amerikanischen Upper-Class-Familie mit Längen, das von den Feuilletons zu sehr gepudert wurde und mit dem es schwerfällt, wirklich warm zu werden.


David Gilbert. Was aus uns wird. (Im Original: &Sons) Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer. Erschienen am 13.März 2014. 640 Seiten. Eichborn Verlag, ISBN: 978-3847905653, € 22,99

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