Geiger_A_Selbstporträt_mit_Flusspferd„[Das Zwergflusspferd] schloss die Augen, und ich stellte mir vor, dass es von Abenteuern träumte, in denen es ihm gelang, dreißig Minuten lang zu tauchen.“

Menschen sind eigentlich Geigers Stärke. In seinem ersten Roman „Der alte König in seinem Exil“ beschreibt er die Beziehung zu seinem demenzkranken Vater und hat mich damit schwer beeindruckt. In „Selbstporträt mit Flusspferd“ geht es um den 22-jährigen Julian, seine Beziehungsprobleme, Ängste und Gefühlsverwirrungen. Nicht uninteressant, das Ganze, doch eigentlich wird der Mensch in diesem Roman von einem Tier komplett in den Schatten gestellt.

Julian ist 22 und versucht, sich von seiner Trennung von seiner langjährigen Freundin Judith zu erholen. Doch der neu erworbene Singlestatus fühlt sich unbequem an wie ein zu klein gewordenes Kleidungsstück. Weil er außerdem noch knapp bei Kasse ist, willigt er ein, sich in den Semesterferien um ein Zwergflusspferd zu kümmern, das ein todkranker Professor übergangsweise bei sich im Garten einquartiert hat. Zunächst findet er Ruhe und Ablenkung in der täglichen körperlichen Arbeit. Er versorgt und studiert das Flusspferd, lernt, zieht sich zurück, während seine Freunde im Sommer die Stadt verlassen haben. Doch dann begegnet er Aiko, der sprunghaften Tochter des Professors, die ihn mit ihrer Unnahbarkeit und spröden Art beeindruckt und ihn in ein erneutes Gefühlschaos stürzen lässt.

„Damals in der abgeschiedenen Finsternis meines Glücks kannte ich mich in der Finsternis aus.“

Eins wird beim Lesen schnell klar: Wer behauptet, dass die schönsten Jahre des Lebens zwischen 20 und 30 liegen, der hat wohl eine Menge vergessen oder einiges ordentlich verklärt. Julian ist zwar jung, aber ziemlich orientierungslos. Er treibt dahin, kann sich nicht entscheiden, fühlt sich unzulänglich und kommt in jedem Vergleich mit seinen Altersgenossen scheinbar schlechter weg. Da ist Judith, seine taffe Ex, für die das Leben eine schnurgerade Schnellstraße zu sein scheint, ohne Kurven, ohne Steigungen. Alles easy. Dann Tibor, sein bester Freund. Ein Macher-Typ, everybody’s Darling. Hat keine Sorgen, unbekümmert, kommt immer irgendwie durch. Wird schon. Und dann Aiko. Durch und durch rätselhaft. Wirkt souverän, aber ändert ihre Meinung so schnell wie ein Sommergewitter aufzieht. Julian wird nicht schlau aus ihr. Und schon hat er sich verliebt. Aber will er das überhaupt – schon wieder eine Beziehung, schon wieder was Ernstes? Oder lieber doch nur eine Affäre?

Zweiundzwanzig sein ist ätzend. Von nichts hat man eine Ahnung, von nichts einen Plan. Ältere geben einem Rätsel auf, Jüngere sind einfach nur unreif. Und man selbst? Schwimmt durchs eigene Leben, jeder Tag ist ein Kampf, ein Krampf, eine Verzweiflungstat. Tee oder Kaffee, Rausch oder Glotze, Kinder oder Karriere. Mit jeder neuen Entscheidung geht es um Leben oder Tod. Man bekommt Mitleid mit Julian und erkennt sich doch selbst oft wieder, denn die schlechte Nachricht ist: Dieser Kampf ist keiner der Jugend allein, keiner der viel kritisierten Generation Y. Sondern einfach das Los eines jeden Tages, den man den Kinderschuhen entwachsen ist.

Geiger versteht es vortrefflich, Julians innere Zerrissenheit darzustellen, seine ständigen Zweifel, seine Unzulänglichkeiten. Ansonsten passiert nicht viel. Das Flusspferd taucht auf. Es frisst Gras. Es steht auf der Wiese. Und bildet damit eine beruhigende Konstante in all dem Gefühlswirrwarr. Auf das Flusspferd ist Verlass. Wie eine monströse aus der Zeit gefallene Statue, ein deplatziertes Urvieh, wandert es im Garten umher.

Obwohl Julian sich fast jeden Tag um das Zwergflusspferd kümmert, bleibt das Tier für ihn ein Rätsel. Was denkt es? Was fühlt es? Ist es glücklich oder sehnt es sich nach Freiheit? Trotzdem scheint es ihm, als habe er eine Art Verbindung zu ihm aufgebaut, ein stummes Einverständnis, ein stoisches Sein inmitten eines unverständlichen Wirbels aus problematischer Gegenwart.

„Ich beobachtete das Tier, ich empfand Zärtlichkeit für sein gemächliches, ängstliches, entscheidungsschwaches Wesen, ich glaube, wir hatten unsere Verwandtschaft vom ersten Tag an erkannt, vom ersten Tag an … dass wir den realen Anforderungen, die das Leben stellt, nur bedingt gewachsen waren.“

Geigers Passagen um das Flusspferd berühren. Fast poetisch kommen sie daher, in all ihrer Einfachheit, in der bloßen Beschreibung der instinkthaften, monotonen Verrichtungen eines Tieres. Das Flusspferd ist unerschütterlich. Unbeeindruckt folgt es einem nur ihm bekannten Tagesrhythmus, schläft und frisst. Das Flusspferd ist mir sympathisch. Richtig ans Herz gewachsen ist es mir. Im Gegensatz zu den Protagonisten, mit denen ich irgendwie nicht richtig warm geworden bin. Von mir aus hätte die Story um die Menschen in Geigers Buch ruhig halb so lang sein können. Die um das Flusspferd hingegen länger, denn für mich ist das Tier der eigentliche Star des Romans.

In einem Satz:

Junge Menschen mit Selbstzweifeln im Gefühlschaos, gut und routiniert verpackt. Aber das Zwergflusspferd ist die Schleife.    


Arno Geiger. Selbstporträt mit Flusspferd. Erschienen am 14. Oktober 2016. 288 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3423145268, 10,90 €

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