Honeyman_G_Eleanor_Oliphant _is_completely_fineAbgesehen von ihrer Narbe ist Eleanor Oliphant ist keine Frau, die aus der Menge heraussticht. So unscheinbar wie ihr Äußeres ist auch ihr Leben. Sie arbeitet im Büro, isst jeden Tag zu Mittag allein ihr Sandwich und löst das Kreuzworträtsel des Tages. Abends gibt es Pasta, am Wochenende zwei Flaschen Wodka. Freunde: keine. Irgendwie hat es einfach nie gepasst mit anderen Menschen. Doch wozu auch? Eleanor ist glücklich in ihrem bis zur Perfektion durchgetakteten Leben. Jedenfalls ist sie sich da ziemlich sicher.

Gail Honeymans erster Roman mit seiner ulkigen Antiheldin ist absolut Zucker und hat alles, was man so braucht, um ein Buch in einem Rutsch zu lesen.

Eleanor Oliphant ist 30, Single, und arbeitet in einem Büro. Abends kocht sie sich Pasta mit Salat, mittwochs ruft ihre Mutter an. Dann verliebt sie sich unsterblich in den Leadsinger einer lokalen Musikgruppe. Sie geht zu einem seiner Konzerte, wo er sie vorn in der Menge stehen sieht und ebenfalls von Amors Pfeil getroffen wird. Bei ihrer ersten romantischen Verabredung entdecken sie, dass sie viel gemeinsam haben und wie füreinander geschaffen sind. Dann ziehen sie zusammen, heiraten und…

Zeit aufzuwachen. Eleanor ist verliebt. Bis dahin stimmt die Geschichte. Sie hat sich entschieden, dass er – Johnnie Lomond – der Mann ihres Lebens sein muss, denn so funktioniert doch die Liebe, oder? Ganz sicher kann sich Eleanor da allerdings nicht sein, schließlich war sie noch nie verliebt. Und das ist nur eines ihrer vielen Probleme, denn abgesehen vom Verliebtsein war sie auch eine ganze Reihe anderer Dinge noch nicht: In einem Pub, beispielsweise. Oder beim Friseur. Auf einem Death Metal Konzert. Auf einer Party. Und dann ist da noch das Problem mit Mummy, die die Allerletzte ist, die sie nach genau diesen Dingen fragen kann. Als Eleanor dann zufällig Raymond aus der IT-Abteilung kennenlernt (grauenvolle Sneakers, furchtbare Essgewohnheiten, Raucher) und dann auch noch fast aus Versehen einem älteren Mann in Not zur Hilfe kommt, setzt dies eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die Eleanors durchgeplanten Alltag zunehmend durcheinanderbringen.

I phoned the number but got his voicemail: “ Hi Raymond here, but also not here. Like Schrödinger`s cat. Leave a message after the beep. Cheers.“ I shook my head in disgust, and spoke slowly and clearly into the machine. […] I hoped that my clear, concise message might serve as an exemplar for him.

Warum ist dieses Buch über eine schrullige junge Frau so gut? Ganz einfach. Weil jeder eine Eleanor kennt. Eleanor ist der Nerd in jedem Büro, der den Schreibtisch in der Ecke hat und noch nie auf irgendeiner Betriebsfeier gesehen wurde. Sie ist die Frau, die einem in der U-Bahn gegenübersitzt und bei der man sich kurz denkt, dass sie echt mal ein Umstyling gebrauchen könnte, bevor man sie gleich wieder vergessen hat. Sie ist eine von den Nachbarn, die seit fünf Jahren unter einem wohnen und die man in dieser Zeit vielleicht dreimal im Hausflur getroffen hat.

Einsamkeit ist das große Thema dieses Romans und zwar nicht die Einsamkeit älterer Menschen, denen der Partner weggestorben ist. Eleanor ist erst 30 und hat so selten mit anderen Menschen zu tun, dass es ganze Wochenenden gibt, in denen sie mit niemandem spricht. Ja, das ist berührend und ein Thema, über das, obwohl es besonders in Städten allgegenwärtig ist, bisher erstaunlich wenig geschrieben wurde. Gail Honeyman hat es geschafft, sich dem Alleinsein auf eine wunderbar unprätentiöse Weise anzunähern. Ihre Hauptfigur Eleanor ist neurotisch, anstrengend, knauserig und völlig ahnungslos, was angemessenes Sozialverhalten angeht. Ohne es zu merken, stolpert sie von einer Katastrophe in die nächste und offenbart so auch oft die Absurdität sozialer Konventionen. Mit dem etwas ungepflegten aber gutherzigen Raymond bekommt sie einen Counterpart, der alles verkörpert, was sie als besonders unangenehm empfindet. In zahllosen skurrilen Situationen lässt Honeyman die Weltsichten ihrer beiden Hauptfiguren aufeinanderprallen, wobei der Humor niemals platt oder der Plot vorhersehbar ist.

In the end, the pizza experience was extremely disappointing. The man simply thrust a big box into my hand and took the envelope, which he then rudely ripped open right in front of me. I heard him mutter fuck`s sake under his breath as he counted the coins. I had been collecting fifty-pence pieces in a little ceramic dish, and this had seemed the perfect opportunity to use them up. I`d popped an extra one in for him, but received no thanks for it. Rude.

Auf faszinierende Weise lässt Honeyman Komik und Tragik nebeneinander existieren, den Leser an den Emotionen teilhaben und Eleanor schließlich erkennen, worauf es im Leben wirklich ankommt: Freundschaft, Liebe, die vielen kleinen Gesten. Ein Buch mit einer tollen Message, wundervollen Charakteren und der Botschaft, dass es nie zu spät ist für große Veränderungen.

In einem Satz:

Humor, Charme und große Gefühle: Eleanor Oliphant ist ein bisschen und gerade richtig kitschig, absolut glaubwürdig und wunderbar lebensbejahend.


Gail Honeyman. Eleanor Oliphant is completely fine. Erschienen am 18. Mai 2017. 386 Seiten. Harper Collins UK, ISBN: 9780008172114, € 11,99.

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