Zevin_G_Die_Widerspenstigkeit_des_GlücksA. J. Fikry lebt auf einer malerischen Insel, ist umgeben von seinen wertvollsten Besitztümern – tausenden von Büchern. So beginnt der Klappentext dieses Buches, der mich neugierig gemacht hat, denn Geschriebenes über Bücher und Bücher liebende Menschen finde ich per se schon mal interessant. Die Bücher sind dann aber an Zevins Roman auch das einzig Interessante, denn ansonsten ist die Geschichte um den Buchhändler Fikry und seine intelligente Adoptivtochter ziemlich seicht und erinnert mich an Filme, bei denen ich meist nach den ersten zehn Minuten eingeschlafen bin.

 

Als seine Frau Nic bei einem Autounfall ums Leben kommt, bricht für den Buchhändler A. J. eine Welt zusammen. Mit Mühe und Not schafft er es, den gemeinsamen Laden auf Alice Island am Laufen zu halten, doch sein Privatleben spielt sich nur noch zwischen einsamen Alkoholexzessen, Tiefkühlgerichten, Selbstmitleid und absoluter Zurückgezogenheit ab. Kurz gesagt, A. J. befindet sich in einer Abwärtsspirale, als er eines Tages ein kleines zweijähriges Mädchen zwischen den Bücherregalen von „Island Books“entdeckt, das die Mutter zusammen mit einem erklärenden Zettel dort zurückgelassen hat, kurz bevor sie sich selbst das Leben genommen hat. Die kleine Maya wird für A. J. zum Rettungsanker, denn mit der Entscheidung, sie zu adoptieren, ändert sich nicht nur sein eigenes Leben radikal, sondern der Buchhändler zeigt auch endlich den Menschen in dem kleinen Ort, dass er mehr ist, als ein wortkarger, menschenscheuer Büchernerd.

Natürlich ist das nicht die gesamte Handlung des Romans, aber schon dieser Abriss zeigt, dass Zevin mit ihrem Sujet ordentlich in die Schmachtfetzenklischeekiste gelangt hat. Maya wird im Laufe des Buches älter, A. J. verliebt sich und findet Freunde, Schicksalsschläge werfen die Familie wieder zurück, Zeit vergeht.

Viele Ideen in diesem Buch sind gut. So beginnt etwa jedes Kapitel mit einer Leseempfehlung von A. J. an seine Tochter, die das Buchsucht-Gen erziehungstechnisch früh einverleibt bekommen hat – nicht verwunderlich, denn das Kind ist ja praktisch von Schmökern umgeben aufgewachsen. Unter den Empfehlungen sind viele angloamerikanische Klassiker des 20. Jahrhunderts – nette Sammlung – und auch so taucht im Laufe des Romans reichlich (kommentierter) Lesestoff auf, der aber mit jeder Leseliste eines guten amerikanischen Colleges konform gehen würde und so niemandem wehtun kann.

Zevins Charaktere sind sympathisch – klar, sie mögen Bücher – aber bleiben bis auf diese Eigenschaft merkwürdig blass. Die Autorin arbeitet mit einem allwissenden Erzähler, der aber erstaunlich wenige Innensichten offenbart. Vieles wird über Dialoge und Handlungen transportiert, aber dadurch entsteht genau das Problem, dass man die Figuren zwar als nett und angenehm empfindet, aber trotzdem schwer einen Zugang zu ihnen bekommt.

Und dann ist da noch der Plot: Es passiert einfach zu wenig. Und wenn etwas passiert, melden sich beim Leser bisweilen Zweifel. Wie hat A. J. es trotz aller bürokratischen Hürden geschafft, in seiner Situation dieses Kind zu adoptieren? Natürlich muss das Kind adoptiert werden, damit das Buch funktioniert, aber das Gelingen dieses Unterfangens ist dermaßen unwahrscheinlich und wird so kurz abgehandelt, dass beim Lesen ein bitterer Geschmack zurückbleibt, der für den Rest des Buches nicht mehr weichen will, vor allem, weil die Autorin bei Schwierigkeiten, die den Figuren in ihren Leben gegenüberstehen, immer wieder zu solchen Kniffen greift. Probleme verschwinden plötzlich oder können wunderbarerweise gelöst werden, Menschen, die sich nicht mögen, finden geradlinig zusammen. Alles läuft zu glatt, alles passt. Das Buch ist hübsch und vergnüglich, aber arg vorhersehbar, wie einer dieser Filme, die man sich abends mit Freundinnen zu einem Mädelsabend vor dem Fernseher gönnt und in dem die unglücklich und hoffnungslos verliebte tollpatschige Protagonistin am Ende trotzdem ihren Mister Right findet. Trotz vielversprechender Ideen leider doch nur literarisches Popcornkino ohne Tiefgang. Schade!

In einem Satz:
Vorausschaubare und unspektakuläre Story, die so vor sich hinplätschert und deren Charaktere trotz harter Schicksalsschläge nicht zu meinen Freunden werden. 


Gabrielle Zevin. Die Widerspenstigkeit des Glücks. (Im Original: The Storied Life of A. J. Fikry) Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann. Erschienen am 11. Mai 2015. 288 Seiten. Diana Verlag, ISBN: 978-3453358621, € 12,99

Markiert in:                    

Schreibe einen Kommentar