Essbaum_J_HausfrauDrei kleine Kinder, ein beruflich erfolgreicher Mann, finanzielle Sicherheit und ein eigenes Haus in einem netten Züricher Vorort: Es gibt so einiges, um das man Anna Benz beneiden kann. Die Amerikanerin führt mit ihrem schweizerischen Mann in dessen Heimat ein Leben wie auf einer kitschigen Postkarte. Hinter der Fassade des Alltäglichen jedoch ist alles ganz anders, denn Anna ist todunglücklich. Essbaums Debütroman über das zerstörerische Doppelleben einer Frau ist eine fast schon schmerzhaft realistische Erfahrung.

Anna Benz ist unglücklich. Nüchtern betrachtet gibt es dafür überhaupt keine Veranlassung, denn Anna hat alles, wovon andere Frauen in ihrem Alter nur träumen können: einen gut aussehenden, erfolgreichen Mann, drei gesunde Kinder, ein Haus in einem ruhigen Vorort von Zürich. Sie hat keine finanziellen Sorgen und viel Zeit für sich selbst, denn ihre Schwiegermutter wohnt um die Ecke und springt oft ein, um auf die Kinder aufzupassen. Erst auf den zweiten Blick lassen sich Risse in der Familienidylle ausmachen: Annas Rastlosigkeit und Schlafstörungen, ihre Neigung zu nächtlichen Spaziergängen. Ihre Schwierigkeiten und ihr Unwillen, die Landessprache zu lernen, das gestörte Verhältnis zu ihrem zweitgeborenen Sohn. Obwohl Anna nun schon einige Jahre im Heimatland ihres Mannes lebt, hat sie es noch immer nicht geschafft, sich zu integrieren. Ein paar belanglose Worte mit den Kindergartenmüttern sind ihr ganzer Kontakt zur Dorfbevölkerung;  für nähere Bekanntschaften oder Freundschaften hat es nie gereicht.

„Ein einmalig begangener Fehler ist ein Versehen. Zweimal derselbe Fehler? Ein Fehltritt. Ein Schnitzer. Aber dreimal?“

Anna ist Einzelgängerin. Ihr kontaktfreudiger Mann kann das nicht nachvollziehen, er schickt sie zur Psychologin (gegen die Ängste) und zum Sprachkurs (gegen die Verständigungsschwierigkeiten), doch dort lernt Anna Archie kennen, der ihr nichts bedeutet, aber mit dem sie trotzdem eine Affäre beginnt. Es soll nicht die einzige bleiben. Schon bald wird Annas Alltag zum perfiden Doppelleben zwischen rohen Sex-Treffen und Kinderhüten, zwischen Kochen, Ehealltag und immer gefährlicheren Kicks. „Ihr Wille war am Werk. Sie betteln geradezu um eine Konsequenz“, bescheinigt ihr die Psychologin. Anna fühlt sich sicher in dem, was sie tut und hat doch gleichzeitig Panik, erwischt zu werden. Die Männer scheinen ihr zu helfen, scheinen sie aus dem Tief ziehen zu können, in dem sie feststeckt, doch Anna ist gleichzeitig klar, dass sie sich selbst betrügt, dass jede ihrer Verfehlungen hohl und leer ist und bedeutungslos, dass jede sie sie unglücklicher zurücklässt und sie unweigerlich einer Katastrophe näher bringt.

„Am sichersten aufgehoben ist ein Geheimnis in der Öffentlichkeit.“

Der Roman ist geschickt verschachtelt erzählt, enthält viele Vor- und Rückgriffe, innere Monologe, Gedankensprünge und erfordert vom Leser einiges an Konzentration. Stilistisch nimmt Essbaum kein Blatt vor den Mund, ihre gezielt eingesetzte vulgäre Sprache unterstreicht die Trostlosigkeit von Annas Bemühungen, ihr Gefühlskorsett durch extremes Verhalten aufzubrechen. „Hausfrau“ ist ein schwieriges Buch. Es geht um Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung und Depression, um eine Sinnsuche ohne Sinn, um eine Frau, die Hilfe verlangt, aber sie nicht zulässt und um Verhaltensweisen, die erst beim zweiten Hinsehen schreckliche Abgründe offenbaren. Es ist schwer, das Buch nicht wegzulegen, weil die Protagonistin so wenig liebenswert ist, so sperrig, so unbequem. Andererseits ist sie genau so, weil sie authentisch ist und menschlich und weil man, wenn man tief in sich hinein horcht, viele ihrer Wesenszüge kennt und ehrlicherweise nachvollziehen kann.

Jill Alexander Essbaum hat kein nettes oder schönes Buch geschrieben. Aber ein beeindruckendes, das noch lange nachhallen wird.

In einem Satz:

Essbaums Debüt ist ein geschickt angelegtes und psychologisch klug erzähltes Portrait einer sehr unglücklichen Frau, die sehenden Auges ihr eigenes Leben in die Katastrophe steuert. Keine leichte Kost. 


Jill Alexander Essbaum. Hausfrau. (Im Original: Hausfrau) Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné. Erschienen am 10.09.2015. 336 Seiten. Eichborn Verlag, ISBN: 978-3847905912, € 22,00

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