boehning_l_nichts_davon_stimmtEines Tages läuft Juliane, einer erfolgreichen Werbefachfrau, eine Katze zu. Später steht ihr attraktiver Nachbar vor der Tür, der behauptet, das Tier würde ihm gehören. Beide stolpern in eine Affäre, doch als Matthias sich abwendet, wird Juliane misstrauisch. Schnell findet sie heraus, dass ihr Nachbar es auf das Erbe einer kranken, alten Dame abgesehen hat. Doch ist die wirklich so ahnungslos, wie sie zu sein scheint?

Larissa Boehnings dritter Roman spinnt ein Geflecht aus Unwahrheiten, Täuschungsmanövern und Erinnerungen und spielt provokant mit Sehnsüchten und Begierden.  

Juliane hat Erfolg im Job, doch sie ist Single und sehnt sich nach der Geborgenheit einer erfüllten Beziehung. Matthias ist – pardon war – Versicherungsvertreter, gerade wurde er gefeuert. Was er dringend braucht und sucht ist Geld, denn er liebt das bequeme Leben und das mit möglichst wenig eigenem Aufwand. Dass er Charme hat und nicht auf den Mund gefallen ist, kommt ihm dabei gelegen, denn so gelingt es ihm auch, die etwas farblose Juliane zu beeindrucken und eine kleine Affäre mit ihr anzufangen. Einfach so. Aus Zeitvertreib. Doch für Juliane ist es mehr und es trifft sie, als der ersehnte Traumtyp doch nur ein Durchschnittshallodri zu sein scheint und sich einfach nicht mehr meldet.

Matthias hat inzwischen aber die ältere Annemarie kennengelernt. Die ist Witwe und todkrank und wird damit in Matthias Augen zu einem lohnenden Projekt. Zuerst hilft er nur aus, fährt sie hin und her, macht Besorgungen. Doch bald kocht Annemarie auch für ihn, lädt ihn ein in ihr Haus, schenkt ihm Vertrauen. Matthias wird zu ihrem „Geschenk Gottes“, zum Sohn, den sie nie hatte, zur Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Liebe und ein bisschen Gesellschaft auf dem letzten Teilstück ihres Lebens.

Als Juliane, die enttäuschte Affäre, Matthias` Spiel durchschaut, wird es kompliziert, denn auch sie lernt Annemarie kennen, auch sie ergattert unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ihr Vertrauen, denn Annemarie setzt große Hoffnungen in sie, möchte, dass Juliane ihre Kindheitserinnerungen aufschreibt, während Juliane eigentlich nur Matthias beobachten will. Ein Ringen um die alte Dame beginnt, ein Wettkampf im Lügen und Verschweigen, ein Test, wer hier am Ende den längeren Atme haben wird.

Boehnings Roman erzählt von drei sehr unterschiedlichen Protagonisten, die alle ihre sehr subjektiven Ziele verfolgen und dabei die Wünsche und Schwächen ihrer Gegenüber ausnutzen, um sie zu manipulieren: Matthias gaukelt Annemarie echte Gefühle vor und kann es doch kaum erwarten, bis die ihre Unterschrift unter das Dokument setzt, das ihn zum Alleinerben macht. Juliane handelt aus Verzweiflung heraus. Matthias`skrupelloses Vorgehen entsetzt sie, zumal sie für Annemarie Zuneigung empfindet, doch sie entwickelt zu wenig Konsequenz, um ihn an seinem Handeln zu hindern und degradiert sich selbst zur Beobachterin. Und was weiß Annemarie? ist sie wirklich so hilflos, wie es den Anschein hat? Oder durchschaut sie Matthias, lässt ihn aber gewähren, um sich selbst die Illusion von Liebe im Angesicht des nahenden Todes zu bewahren?

So richtig sympathisch ist in diesem Dreiergerspann wohl niemand. Doch Boenings psychologisches Ränkespiel fasziniert und wirft interessante Fragen auf:  Lässt sich Liebe messen? Erkaufen? Eintauschen? Was ist sie wert?

Als Annemarie aus dem Krankenhaus heimkehrt, hat Matthias schon damit begonnen, einige Bäume im Garten zu fällen, als würde das ganze Haus bereits ihm gehören. Empörend, denkt man sich. Doch wirklich? Annemarie jedenfalls scheint wenig beeindruckt. Vielleicht weil sie längst durchschaut hat, dass die Echtheit von Matthias`Liebe nicht umsonst ist.

In einem Satz:

Raffinierter Roman um Gier, Einsamkeit und Sehnsucht und das, was im Angesicht des Todes wirklich zählt: die bittere Wahrheit oder eine schöne Illusion. 


Larissa Boehning. Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr. Erschienen am 13. Februar 2013. 320 Seiten. Galiani-Berlin, ISBN: 978-3869710877, € 19,99

Markiert in:                            

Schreibe einen Kommentar