Doerr_A_Memory_WallAlma Konacheck ist 74 Jahre alt und verliert ihr Gedächtnis. Alles, was ihr von ihrem langen, erfüllten Leben geblieben ist, hängt als Notizzettel, als Fotos und Gedächtnisstützen an einer Wand – ihrer eigenen Memory Wall. Doch ihr schwindendes Gedächtnis macht Alma hilflos gegenüber den sich wiederholenden nächtlichen Einbrüchen Unbekannter in ihr Haus. Die sind auf der Suche nach einem wertvollen Fossilienfund ihres verstorbenen Mannes. Als Luvo, einer der Einbrecher, schließlich Almas Geheimnis entdeckt, kennt er sich im Leben der alten Frau mittlerweile besser aus, als sie selbst.

Doerr entwirft ein futuristisch-abenteuerliches Szenario und spielt in seiner Novelle furios mit Vergänglichkeit, Erinnerung und Zeitlichkeit.

Jede Nacht kommen sie. Der ältere, der mit der Zigarette. Und der Junge, schmächtig ist er, vielleicht vierzehn, fünfzehn. Alma glaubt, sie zu kennen, kann sich aber nicht erinnern, woher. Immer sind sie nachts da, schleichen in ihrem Haus herum. Sie tun ihr nichts, aber sie machen Alma Angst.

Alma ist 74. Seit ihr Mann ganz plötzlich ums Leben kam, lebt sie allein in dem großen weißen Haus mit Blick auf Kapstadt. Nur Pheko ist ihr geblieben, ihr Pfleger, der sich jeden Tag rührend um sie kümmert. Pheko und eine Wand voller Erinnerungen. Alma verliert ihr Gedächtnis. An ihrer Memory Wall hängen Fotos, Quittungen, unzählige Notizzettel. Ein Puzzle ihres Lebens, das sie nicht mehr richtig zusammensetzen kann und das mit jedem Tag, jeder Stunde mehr in einzelne Fragmente zerfällt. Und dann gibt es da noch die Kassetten. Hilfsmittel, auf die Ärzte Almas abgezapfte Erinnerungen gebannt haben, um es ihr leichter zu machen, mit ihrer Vergangenheit in Kontakt zu bleiben. Durch im Schädel installierte Ports kann der Inhalt der Kassetten wie ein Surround-Film abgespielt werden und Alma wieder jung sein, wieder verliebt, wieder frisch verheiratet.

„Solange es funktionierte, muss es wie das Hinabsteigen in einen stockdunklen Keller gewesen sein, um ein Glas Eingemachtes zu holen, und die Entdeckung, dass es da wartete, das Glas, kühl und schwer, und sich von ihr die krumme, staubige Treppe hinauf ins Licht der Küche holen ließ. Eine Weile lang muss es für Alma so gewesen sein und ihr dabei geholfen haben zu glauben, dass sie ihre unvermeidliche Auslöschung vermeiden könnte.“

Kleinganove Roger ist auf der Suche nach dem großen Coup. Er weiß Bescheid über Almas verstorbenen Mann und dessen Leidenschaft für Fossilien. Da gibt es Gerüchte über einen Sensationsfund, der nie geborgen wurde. In Sammlerkreisen werden hohe Summen für Fossilien bezahlt. Roger macht sich Almas Gedächtnisverlust zunutze. Gemeinsam mit seinem Gehilfen Luvo bricht er Nacht für Nacht in Almas Haus ein. Luvo, ein Slumjunge, der ebenfalls die Erinnerungs-Ports in seinem Schädel hat, durchforstet Almas Erinnerungen auf der Suche nach einem Hinweis auf den Fossilienfund, doch das ständige Abtauchen in das Leben der alten Dame hinterlässt seine Spuren.

„Jede Kassette an Almas Wand wird zu einem kleinen Fenster in der Dunkelheit. Luvo bewegt sich zwischen ihnen hin und her und erkundet nach und nach das Labyrinth ihrer Geschichte.“

In Doerrs Novelle ist die Medizin fähig, Menschen Erinnerungen abzuzapfen und zu speichern. Eine Idee, die Raum für Diskussionen schafft, für das Abwägen von Vor- und Nachteilen. Doch damit hält Doerr sich nicht auf. Seine Geschichte spielt in einer näheren, nicht genau datierten Zukunft, einer Zeit, in der es seltsamerweise noch Kassetten gibt und in der die medizinischen Errungenschaften sich einfach in die Geschichte einfügen, ein nicht zu hinterfragender Teil von ihr werden. Viel interessanter sind die Schicksale der Nebencharaktere: Da ist der treue Pheko, der von Alma nicht besonders gut behandelt wird, der sie aber nichtsdestotrotz aufopfernd und weit über seine Aufgaben hinaus pflegt und sich nebenbei liebevoll um seinen Sohn Temba kümmert. Dann gibt es Luvo, den Jungen ohne Vergangenheit, der wahrscheinlich aus dem Slum kommt und stümperhaft eingesetzte Erinnerungs-Ports hat. Weil er keine eigene Geschichte hat, folgt er Roger, der ihn missbraucht, um an das große Geld zu kommen.

Anthony Doerr verflechtet auf wundersame Weise die unterschiedlichen Schicksale seiner Charaktere, ihre guten und schlechten Charakterzüge, ihre Motivationen, Träume, Gelüste. Sie alle sind in das Leben von Alma verstrickt, teilen es, streifen es oder tauchen darin ein. Doerr wandert durch die Jahrzehnte, mit jedem neuen Absatz wird der Leser in eine andere Zeitebene katapultiert, findet sich in Phekos Leben wieder, in Tembas, in Luvos und immer wieder in Almas Vergangenheit.

Doerr legt ein Mosaik aus, und nach und nach erhält das Bild Konturen, setzen sich Schemen in Bilder zusammen. Nicht ein einziges Mal ist das verwirrend für den Leser, denn der Autor versteht sein Spiel mit den Zeitebenen, wie er auch schon in seinem Pulitzer-bedachten Roman Alles Licht, das wir nicht sehen unter Beweis gestellt hat.

In einer kühn konstruierten Handlung verbindet Doerr viele kleine Splitter zu einem großen Ganzen und spiegelt damit die Faszination des verstorbenen Harolds für Fossilien, bei der auch die Suche nach kleinen Teilen den Reiz ausmacht.  Memory Wall ist spannend, atemlos und doch leicht und lebensbejahend. Ein großartiges Buch.

In einem Satz:
Spannende Zukunfts-Novelle um Erinnerungen, Vergangenheit und Moral. Doerr versteht sein Handwerk und lässt einen nicht die Augen vom Buch nehmen.


Anthony Doerr. Memory Wall. (Im Original: Memory Wall) Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Erschienen am 10. Februar 2016. 135 Seiten. Verlag C.H.Beck, ISBN: 978-3406689611, € 14,95

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