Rosaleens Fest von Anne Enright

Ein Familientreffen steht im Mittelpunkt des neuen Romans der Booker-Preisträgerin Anne Enright.  Rosaleen ist 76 und nach dem Tod ihres Mannes allein. Die vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen, haben schon lange das Haus verlassen und ihre eigenen Leben mit allen möglichen Problemen, die ihre Mutter kaum erahnen kann. Diese spürt nur, wie sich die Kinder immer weiter von ihr entfernen und fühlt sich vernachlässigt. Als zum Weihnachtsfest alle nach Jahren der Abwesenheit wieder zusammenkommen, brechen alte Wunden auf, und es zeigt sich, dass sich Harmonie nicht erzwingen lässt. Enrights Roman ist eine klug erzählte Studie einer Familie, die ebenso gut auch die eigene sein könnte.

Rosaleen ist eine fordernde Frau. Sie legt Wert auf Ordnung, auf die Wahrung des Scheins nach außen, will repräsentieren, einem Bild entsprechen, sie hat Pläne und Ambitionen für ihre Kinder, doch deren Wünsche spielen dabei kaum eine Rolle. Dies wird schon im ersten Kapitel von Anne Enrights Roman deutlich, in dem sie ihre kleine Tochter Hanna zur Apotheke des Onkels schickt, um Medikamente gegen ihre zahlreichen Wehwehchen zu besorgen. Hanna ist damals zwölf, noch sitzt sie regelmäßig mit ihren Geschwistern am elterlichen Esstisch, Mädchen dem Fenster, Jungen dem Zimmer zugewandt, wie es immer war. Doch es zeichnen sich Veränderungen ab, Dan, der große Bruder, will gegen den Willen der Eltern Priester werden und auch die anderen Geschwister werden erwachsen und versuchen, eigene Zukunftsideen zu verwirklichen. Rosaleen verliert zunehmend an Einfluss und ihre Versuche, unvorhergesehene Unstimmigkeiten mit der „horizontalen Lösung“, wie Dan die Angewohnheit seiner Mutter bezeichnet, sich beleidigt ins Bett zu legen, zu überstehen, sind immer seltener von Erfolg gekrönt.

 „Es war fast April. Eine Art gesprenkelter Tag. Das reinliche Licht erfasste die Tropfen auf der Fensterscheibe in all ihrer Vielfalt, während sich an den regenschwarzen Zweigen draußen tausend Babyblätter entfalteten.“

Teil Eins – Abschied – widmet jedem der Kinder ein eigenes Kapitel. Dan ist doch kein Priester geworden. Er lebt im New York der frühen Neunziger und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sein Auslandssemester ist zu einem Daueraufenthalt geworden, denn sein neues Leben unterscheidet sich fundamental von dem im heimischen Irland. Dan ist schwul und will es sich noch nicht eingestehen. Stattdessen liebt er lieber offiziell weiter seine Freundin Isabelle, tobt sich aber heimlich in der Schwulenszene aus, in der die Angst vor AIDS umgeht und jeder jemanden kennt, der daran schon gestorben ist.

 „Man konnte nicht behaupten, dass Fire Island im Sommer 1991 vollkommen glücklich war, aber es war trotzig, und wenn man die Augen zum Meer hob, lag das Glück am Horizont.“

Sein Bruder Emmet hat ebenfalls versucht, so viel Distanz wie möglich zwischen sich und seine Kindheit und die noch immer im heimischen Irland lebende Mutter zu bringen. Emmet arbeitet  in der Entwicklungshilfe. All seine Emotionen fließen in seine Priojekte und werden geschluckt von Kindern, die seine Hilfe brauchen. Doch so sehr er sich beruflich einbringt, im Privatleben scheitert er daran, sich völlig in eine Beziehung einbringen zu können, Nähe und Wärme zuzulassen.

Auch die hübsche Hanna folgt nicht den Plänen ihrer Mutter. Ihr Traum, Schaupielerin zu werden, ist ausgeträumt. Stattdessen hat sie ein ungewolltes zehnmonatiges Baby von einem ständig arbeitenden Mann und ein handfestes Alkoholproblem. Und ein Leben, das ihr über den Kopf zu wachsen droht. Ihre Schwester Constance hingegen hat auf den ersten Blick alles, was das Herz begehrt: gesunde Kinder, ein Haus, einen Mann, der sie liebt. Dann muss sie zur Mammografie, doch in ihrer Rolle als Mutter, von der erwartet wird, dass sie funktioniert, gehen ihre eigenen Sorgen und Bedürfnisse völlig unter. Aus genau diesem Pflichtgefühl heraus hat Constance es auch am allerwenigsten geschafft, sich von der dominanten Mutter und ihren Erwartungshaltungen zu lösen.

„Ihre Mutter hatte sich immer eine Tochter gewünscht, die gut auf einem Pony aussah, oder eine Tochter, die Ballett tanzte wie aus einem Bilderbuch.“ 

Als Rosaleen im Herbst 2005 beschließt, ihr Haus zu verkaufen, und ihre Kinder wie jedes Jahr auffordert, am Weihnachtsfest nach Hause zu kommen, folgen alle vier ihrem Wunsch, alarmiert vom plötzlichen Entschlusskraft der Mutter. Doch statt Teil Zwei – Heimkehr – zu einem rührseliges Familienstück zu inszenieren, lässt die Autorin  das Treffen der entfremdeten Familienmitglieder genau so verlaufen, wie es in der Realität vermutlich abgelaufen wäre: holperig. Trotz aller Bemühungen um Harmonie lassen sich die Jahre der Abwesenheit nicht weglächeln. Fünf verschiedenen Persönlichkeiten mit den unterschiedlichsten Erwartungshaltungen prallen aufeinander, alter Groll bahnt sich seinen Weg zurück an die Oberfläche, Vorwürfe werden laut, Gewohnheiten argwöhnisch beobachtet und kommentiert.

„Und plötzlich war alles vertraut. Er erinnerte sich an diese Gegend. Sie war wie eine geheime Landkarte. Eine Landkarte schöner Dinge, die er gekannt und verloren hatte, diese flüchtig geschauten Häuser und Steinmauern, diese Felder aus solidem Grün.“

Und dann ist da noch Rosaleen. Die alte Dame ist nicht unbedingt sympatisch in ihrer Dominanz, sie sieht sich im Recht, entscheiden zu dürfen, was mit dem Haus passieren soll, sie fühlt sich unverstanden und allein gelassen. Ihre Kinder liebt sie – manchmal, und weil es so Tradition ist – aber eigentlich kann sie nichts mit ihnen anfangen, genauso wie diese mit ihr. Zu groß sind die Gräben, die zwischen ihnen liegen; wäre man nicht verwandt, hätte man wohl nicht viel miteinander zu tun. Nun aber muss man notgedrungen miteinander auskommen, muss sich zusammenreißen, darf das seltene Treffen nicht durch Streit sabotieren. Enright schafft es meisterlich, die gespannte Stimmung in der Familie zu beschreiben, die aufgestauten Emotionen und die schalen Bemühungen. Als Rosaleen dem Druck nicht mehr standhält und einfach verschwindet, müssen die sich fremd gewordenen Geschwister plötzlich noch enger zusammenrücken.

„Rosaleens Fest“ ist ein auf den ersten Blick unaufdringlicher, fast unscheinbarer Roman, der erst beim genaueren Hinsehen seine Stärken offenbart. Ein detailliert beobachtetes Familienportrait, ein psychologisch klug aufgebautes Buch, das nachklingt und wohl in jedem eigene Familienerinnerungen wachruft.

In einem Satz:

Enrights Familie Madigan ist wie eine brüchige alte Mauer mit scharfkantigen Rissen und Bruchstellen, die bröckeln und nur noch von altem Mörtel zusammengehalten werden – ein brutal ehrlicher und doch feinsinniger Griff ins echte Leben.  Empfehlenswert!


Anne Enright. Rosaleens Fest. (Im Original: Green Road) Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Erschienen am 09.11.2015. 384 Seiten. DVA, ISBN: 978-3421047007, € 19,99

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