Heinrich Steinfest – Das Leben und Sterben der Flugzeuge

Steinfest_H_Leben_und_Sterben_FlugzeugeKommissar Blind ist Single, gutaussehend, spielt gern Golf und hat ein Faible für Grammatik. In seiner Brust schlägt nach einer Transplantation das Herz eines Skifahrers. Eigentlich steht er fest im Leben, nur seine Träume machen ihm Sorgen, denn immer, wenn er einschläft, ist er ein Pariser Bahnhofsspatz. Als selbiger wird er eines Tages fast von einem Artgenossen erschlagen und hat plötzlich eine Mission, bei der es um Leben und Tod geht. Doch während Quimp, der Spatz, mit wichtigem Auftrag unterwegs nach Wien ist, erhält auch Blind eine mysteriöse Aufgabe und irgendwann ist nicht mehr klar, wer denn da wen träumt. Steinfest spinnt Irrsinn wie andere Wolle. Das macht Spaß –  wenn man sich darauf einlässt.  (mehr …)

Katharina Hartwell – Das fremde Meer

hartwell_k_das_fremde_meerLiebesgeschichten gibt es zuhauf. Auch Marie glaubt nicht daran, sondern rechnet lieber immer mit dem Schlimmsten, damit sie auf eintreffende Katastrophen vorbereitet ist. Die Begegnung mit Jan ist wie ein megakitschiger Film, doch scheinbar wahr, denn jetzt fängt Marie an zu leben, bis… ja, bis ihre Geschichte mit Jan wieder neu beginnt und immer wieder neu.

Katharina Hartwell lässt Jan und Marie sich immer wieder lieben, doch heißen sie dann Miriam und Johann oder Yann und Milan und leben in Wäldern, in Krankenhäusern, in anderen Welten, hinter fremden Meeren. Ein fulminantes Debüt, das so gut ist, dass mir fast die Worte fehlen. (mehr …)

Alina Bronsky – Baba Dunjas letzte Liebe

Bronsky_A_Baba_Dunjas_letzte_LiebeBaba Dunja ist alt und will nur eins: ihre Ruhe haben. Darum lebt sie weitab vom Trubel der Stadt in einem abgelegenen Dorf in ihrem eigenen kleinen Haus mit Garten, zieht Gemüse, holt Wasser aus dem Brunnen und hält ab und zu einen Schwatz mit der Nachbarin. So weit, so gut. Baba Dunja könnte meine Großmutter sein oder deine und irgendwo in der märkischen Provinz leben. Tut sie aber nicht. Stattdessen lebt sie in Tschernowo, in der verstrahlten Zone bei Tschernobyl. Und zwar einfach, weil sie es will.

Baba Dunjas letzte Liebe ist ein leises Loblied auf das selbstbestimmte Altern, auf Familie, die Liebe und sogar auf den Tod. (mehr …)

Yoko Ogawa – Der Herr der kleinen Vögel

Ogawa_Y_Der_Herr_der_kleinen_VögelNeben dem Kindergarten gibt es eine Voliere mit vielen verschiedenen Vogelarten darin. Manche Leute bleiben  stehen. Staunen. Schauen. Ein Mann aber kümmert sich aufopferungsvoll, wechselt das Wasser, reinigt den Käfig, spricht mit den Tieren. Als er plötzlich stirbt, nimmt sein jüngerer Bruder seinen Platz ein. Um dem geliebten Bruder nahe zu sein, wird er zum „Herrn der kleinen Vögel“ und entdeckt nach und nach die Tiefe und stille Leidenschaft hinter dem Hobby seines Bruders.

Wieder ein Liebeskind-Buch zum Träumen. Ogawa ist eine Meisterin der Beobachtung, eine Fürsprecherin der Stillen und eine Künstlerin, die Realität und Mystik zu einem kraftvollen Zaubertrank zu verquirlen weiß. (mehr …)

Alice Greenway – Schmale Pfade

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Für Einsiedler und kauzige Figuren hatte ich schon immer was übrig. Jim Kennoway ist ein Exemplar dieser Sorte par excellence, und er ist wirklich nicht sympatisch. Nach dem Tod seiner Frau lebt er, einst anerkannter Ornithologe, zurückgezogen in einem abgelegenen Haus an der rauen Küste Maines und widmet sich dem Rauchen und Trinken. Eigentlich will er nur in Ruhe gelassen werden, doch dann zieht Cadillac Baketi bei ihm ein und mit ihm seine Vergangenheit, die er am liebsten im Dauerrausch erstickt hätte.

Dieser Roman ist keines dieser Junges-Mädchen-hilft-lebensmüdem-alten-Mann-aus-der-Lebenskrise-Büchern. Kennoway ist und bleibt grässlich und berührt trotzdem, genau wie Greenways fantastische Beschreibungen von Landschaften und Vögeln. (mehr …)

Heinrich Steinfest – Das grüne Rollo

Steinfest_H_Das_grüne_RolloIn meiner Kindheit habe ich sie geliebt: die Geschichte von Bastian Balthasar Bux, der auf dem Dachboden in einem Buch liest und sich plötzlich in einer völlig anderen Welt wiederfindet. Bei Heinrich Steinfest ist es der etwa gleichaltrige Theo, der eines Nachts in seinem Kinderzimmer ein grünes Rollo vorfindet, das dort vor dem Fenster hängt und zum Eingangstor in eine seltsame grüne Welt wird, in der sich unheimliche Sachen abspielen. Doch „Greenland“ ist kein Hirngespinst eines kleinen Jungen. Vierzig Jahre später, als Theo schon Astronaut ist und längst erhaben über jugendliche Spinnereien, taucht das seltsame Rollo plötzlich wieder auf. Steinfests völlig abgedrehte Geschichte pendelt haarscharf zwischen Fantasie und Wirklichkeit und erzählt subtil vom Schrecken des Erwachsenwerdens. (mehr …)

Kate Racculia – Willkommen im Bellweather Hotel

racculia_k_willkommen-im-bellweather_hotelHotelgeschichten sind immer vielversprechend. Und bei Zimmern, in denen schreckliche Dinge passiert sind, denkt man sofort an Zwillinge in blauen Kleidchen und schon spürt man wohlige Gruselschauer, die einem den Rücken hinunterlaufen. Auch im Bellweather Hotel gibt es ein solches Zimmer. Doch das wissen Rabbit Hatmaker und seine Zwillingsschwester Alice noch nicht, als sie für das Wochenende in dem alten Hotel einchecken, um am „Statewide“, einem landesweiten Musikwettbewerb, teilzunehmen. Kate Racculia lässt in ihrem verschneiten Hotel allerlei skurrile Charaktere aufeinandertreffen und mischt noch ein bisschen Drama bei. Ganz unterhaltsame Story, die jedoch über ihre eigene Kapriziosität stolpert. (mehr …)

Anthony Doerr – Memory Wall

Doerr_A_Memory_WallAlma Konacheck ist 74 Jahre alt und verliert ihr Gedächtnis. Alles, was ihr von ihrem langen, erfüllten Leben geblieben ist, hängt als Notizzettel, als Fotos und Gedächtnisstützen an einer Wand – ihrer eigenen Memory Wall. Doch ihr schwindendes Gedächtnis macht Alma hilflos gegenüber den sich wiederholenden nächtlichen Einbrüchen Unbekannter in ihr Haus. Die sind auf der Suche nach einem wertvollen Fossilienfund ihres verstorbenen Mannes. Als Luvo, einer der Einbrecher, schließlich Almas Geheimnis entdeckt, kennt er sich im Leben der alten Frau mittlerweile besser aus, als sie selbst.

Doerr entwirft ein futuristisch-abenteuerliches Szenario und spielt in seiner Novelle furios mit Vergänglichkeit, Erinnerung und Zeitlichkeit. (mehr …)

Arno Geiger – Selbstporträt mit Flusspferd

Geiger_A_Selbstporträt_mit_Flusspferd„[Das Zwergflusspferd] schloss die Augen, und ich stellte mir vor, dass es von Abenteuern träumte, in denen es ihm gelang, dreißig Minuten lang zu tauchen.“

Menschen sind eigentlich Geigers Stärke. In seinem ersten Roman „Der alte König in seinem Exil“ beschreibt er die Beziehung zu seinem demenzkranken Vater und hat mich damit schwer beeindruckt. In „Selbstporträt mit Flusspferd“ geht es um den 22-jährigen Julian, seine Beziehungsprobleme, Ängste und Gefühlsverwirrungen. Nicht uninteressant, das Ganze, doch eigentlich wird der Mensch in diesem Roman von einem Tier komplett in den Schatten gestellt. (mehr …)

Richard Wiemers – Bross. Endstation Hinterhof

Wiemers_R_Bross_Endstation_HinterhofEin Kommissar, der am Tatort Yoga macht. Eine Staatsanwältin mit rosaroter Brille. Ein ganzer Straßenzug voll Verdächtiger.

„Bross. Endstation Hinterhof“ ist der zweite Teil einer Buchreihe um einen schrägen Ermittler und so sehr ein waschechter Krimi, wie „Police Academy“ als „Tatort“ durchgeht. Aber wer auf durchgeknallte Figuren, witzige Dialoge und einfallreiche Twists steht, wird hier voll auf seine Kosten kommen. (mehr …)